Religion in der antiken Gesellschaft


Religion in der antiken Gesellschaft
Religion in der antiken Gesellschaft
 
Menschliche Gesellschaften der historisch fassbaren Zeit tendieren permanent zu Veränderungen, Religionen nicht. Sie sind konservativ, das Älteste ist in ihnen stärker als alles Spätere.
 
Daher pflegen sich religiöse Reformen auf Vergangenes zu beziehen, gesellschaftliche Reformen auf Gegenwärtiges. Dennoch wandeln sich auch Religionen, da sie ja innerhalb der sich ändernden Gesellschaften existieren.
 
Im Folgenden werden die historischen Religionen Griechenlands und Italiens betrachtet, bis hin zur Einführung des Christentums als Staatsreligion im 4. nachchristlichen Jahrhundert. Jene Religionen entstammten nur zum Teil ihrer jeweiligen Gesellschaft. Vieles an ihnen war aus der Prähistorie ererbt, etwa aus der kykladischen oder der minoischen Kultur der Ägäis, anderes kam aus dem Orient hinzu, so aus Mesopotamien, Anatolien, Ägypten. Einflüsse aus diesen Bereichen wurden in der Frühzeit weitgehend assimiliert; später, in der hellenistischen und römischen Welt (300 v. Chr. bis 300 n. Chr.), war es gerade das Fremde, Exotische, das den orientalischen Religionen Anziehungskraft verlieh.
 
 
Der gemeinsame Nenner für die hier betrachteten Religionen ist der Polytheismus, das heißt die Verehrung vieler Götter. Dieses Phänomen machte den Austausch religiöser Erfahrungen zwischen den verschiedenen antiken Gesellschaften möglich. Keine von ihnen bestand darauf, wie Gesellschaften mit monotheistischen Religionen, die alleinige Wahrheit zu besitzen. Aus diesem Grund fehlen in der im Folgenden dargestellten Entwicklung von rund zwei Jahrtausenden die Religionskriege, die für nachantike Gesellschaften bezeichnend sind. Man führte in der Antike viele Kriege, aber nicht um Religiöses.
 
Die Auffassung, der hier vorliegende Polytheismus sei eine primitive Stufe der Religion, kommt vom Monotheismus her und ist leicht zu widerlegen. Sowohl die erwähnten orientalischen Gebiete als auch Griechenland und Rom haben Hochkulturen hervorgebracht, denen die Gesellschaften der Nachantike viel verdanken. Auch das aus dem jüdischen Monotheismus entstandene Christentum und der Islam haben von der heidnischen Antike Wichtiges übernommen.
 
 Mündliche Überlieferung
 
Monotheistische Religionen pflegen eine Heilige Schrift zu haben, wie zum Beispiel die Bibel und den Koran, in der die göttliche Offenbarung festgelegt ist. Weder die griechische noch die römische Religion besitzt Vergleichbares, schon deshalb nicht, weil ihre Herkunft weit über den Gebrauch der Schrift zurückreicht. Im Etruskischen existiert ein Ansatz dazu: Ein Wesen aus einer anderen Welt diktiert einem Menschen Religiöses. Wir wissen aber zu wenig davon, zumal das Etruskische zwar gelesen werden kann — zu behaupten, dass es nicht »entziffert« sei, ist falsch —, aber immer noch sehr viele uns unverständliche Wörter enthält.
 
In der heutigen Philologie wird die Rolle der Mündlichkeit in der Überlieferung, etwa in den homerischen Epen »Ilias« und »Odyssee«, von vielen Seiten her erforscht. So gewinnen wir auch ein neues Verständnis für Religionen, die auf mündlicher Überlieferung basieren. Das »ungeschriebene Gesetz« (agraphos nomos) war für die Griechen wichtiger als das geschriebene. In religiösen Dingen war es ebenso. Zur Kontinuität mündlicher Kulttraditionen trugen unter anderem Priestergeschlechter bei.
 
 Göttermythen
 
Das Alte Testament enthält manches Mythische, etwa den Mythos vom Paradies. Die griechische Religion wäre ohne Göttermythen nicht denkbar, während es in der frühen römischen Religion nichts über die Götter zu erzählen gab. Die römischen Götter hatten keine Eltern, keine Ehen, keine Kinder; von manchen kannte man nicht einmal das Geschlecht. Sie waren Numina, gestaltlose Wesen mit Willen und Macht. Das änderte sich erst durch Einflüsse aus Etrurien und Griechenland, denn dort kannte man weit verzweigte Göttersippen als Pendant zur eigenen Gesellschaft.
 
In Griechenland wurde die Genealogie als Denkform, mit der man göttliche und menschliche Verhältnisse zu begreifen suchte, von dem böotischen Dichter Hesiod — wohl bereits vor 700 v. Chr. — in der uns erhaltenen »Theogonie« (Götterentstehung) systematisiert. Orientalische Vorbilder dazu konnten zum Teil nachgewiesen werden. Neben Hesiod war es Homer, der den griechischen Göttermythos formte. Der rund drei Jahrhunderte später lebende Historiker Herodot schreibt in seinen »Historien« (2,53), dass Homer und Hesiod »den Griechen den Stammbaum der Götter aufgestellt, den Göttern Beinamen gegeben, ihre Ehren und Wirkungsbereiche geschieden und ihre Gestalten beschrieben haben«.
 
Die Götter der griechischen Welt gab es natürlich schon vor Homer und Hesiod. Manche Namen, so Zeus, Hera, Poseidon, Athene und Dionysos, sind schon in schriftlichen Zeugnissen aus der Bronzezeit überliefert. Ob man damals schon, etwa an den Königshöfen von Mykene, Tiryns und Pylos, Mythen über sie erzählte? Bestimmt wissen wir nur, dass sie Kult erhielten, denn die mit Linear B beschriebenen Tontafeln sind zum Teil Rechenschaftsberichte über Aufwendungen im Götterkult.
 
 Kulthöhlen, heilige Bäume, Altäre
 
Zu den ältesten Kultstätten zählt die Höhle. Im Mittelmeergebiet sind vor allem die Inseln Malta und Kreta für ihre Höhlenkulte bekannt, die vorwiegend Muttergottheiten galten. So ist die Höhle der Geburtsgöttin Eileithyia bei Amnissos an der Nordküste Kretas in Homers »Odyssee« erwähnt (19,188). Die Göttermutter Rhea soll Zeus in einer Höhle hoch im Idagebirge geboren haben. Auch das griechische Festland hatte zahlreiche Kulthöhlen. Man denke an die Akropolis in Athen, die oben den leuchtenden Parthenon trägt, während ihre Felsenhänge von Höhlen durchlöchert sind. Deren Kulte reichen zum Teil nachweislich in das 2. Jahrtausend v. Chr. zurück, andere wurden später eingerichtet wie die Höhle des Hirtengottes Pan. Ihm weihten die Athener zum Dank für die Hilfe in der Schlacht von Marathon (490 v. Chr.) ein Höhlenheiligtum am Nordhang der Akropolis. Aus dieser Weihung in historisch heller Zeit lässt sich schließen, dass die Höhle als Kultstätte nicht nur ein Phänomen der Frühzeit war, als es noch keine Tempel gab. Im Gegenteil, Naturgottheiten, zu denen Pan und die Nymphen zählen, bevorzugten die Höhle überhaupt. Sie wurde dort, wo sie das Gelände nicht in natürlicher Form bot, sogar künstlich, als Grotte, errichtet.
 
Da in den antiken Religionen das Alter eines Kultes wichtiger war als seine spätere Entwicklung, bewahrten Kulthöhlen ihr hohes Ansehen. Sie waren zudem dauerhafter als heilige Bäume, die zwar Generationen überleben konnten, aber eines Tages starben. Neben Einzelbäumen wie dem heiligen Ölbaum der Athene auf der Athener Akropolis gab es Haine, so den Eichenhain des Zeus von Dodona im äußersten Nordwesten Griechenlands oder den heiligen Hain der Diana von Aricia bei Rom.
 
Die Umwohnenden wussten aus uralter mündlicher Tradition von der Heiligkeit eines Ortes, Baumes oder Haines. Sie blieb auch einem Fremden nicht verborgen, da die in antiken Religionen allgegenwärtigen Kultbinden wohl stets vorhanden waren; Pinakes, beschriftete oder bemalte Weihetafeln, konnten im Gezweig hängen. Was der heutige Besucher an solchen Kultstätten sehen kann, ist ihre Eingrenzung. Sie besteht aus einer Mauer, die den Besitz der jeweiligen Gottheit(en) klar von der Umgebung abhebt. Die Griechen nannten einen solchen Bezirk ein Temenos. Da man aus Mythen weiß, wie sehr die Götter auf ihre Ehren bedacht waren, wie furchtbar sie sich rächen konnten, wenn man sie vergaß, so versteht man die Errichtung von Temenosmauern, die sowohl kleine Kultstätten als auch den großen Bezirk des Apollon in Delphi umgrenzen.
 
Die Altäre hatten in Griechenland zwei Hauptformen, je nachdem, wer die Kultempfänger waren. Es gab hohe Altäre für die olympischen Götter und niedrige, mit der Erdtiefe verbundene Opferstätten für die Erdgottheiten, die chthonischen Götter, sowie für Halbgötter, die Heroen. Zwischen diesen beiden Möglichkeiten existierten Übergänge in Form von Mischkulten. Diese waren auch bei Etruskern und Italikern üblich, bei denen die Trennung der Riten nicht so weit ging wie bei den Griechen. Nur der dem griechischen Göttervater Zeus entsprechende Jupiter blieb als Himmelsgott möglichst weit von allem Chthonischen entfernt. Entsprechendes galt für seinen Priester, den durch viele Tabus gebundenen Flamen Dialis.
 
Das Material für Altäre war gewöhnlich behauener Stein; es gab aber auch Opferstätten aus Feldsteinen, aus Rasenstücken oder aus Teilen von Opfertieren. Berühmt war der Hörneraltar des Apollon auf Delos und der »Aschenaltar« des Zeus in Olympia, der aus den kalzinierten Schenkelknochen der Opfertiere bestand, die man dort im olympischen Ritus verbrannte. In den Knochenschotter waren Stufen eingehauen, die man emporstieg, um auf der Spitze des Kegels Zeus anzurufen. Rund eineinhalb Jahrtausende wurde der Kult dort ausgeübt.
 
 Tempel und Kultbilder
 
Der soeben erwähnte Zeusaltar in Olympia bestand lange, bevor in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. diesem Gott dort ein Tempel (der berühmte Zeustempel) errichtet wurde. Auch sonst hat man Zeus unter freiem Himmel verehrt. Die frühesten griechischen Tempel aus den ersten Jahrhunderten des 1. Jahrtausends v. Chr. waren nicht dem obersten Gott, sondern seiner Gemahlin Hera geweiht. Das ergaben die Ausgrabungen in Perachora bei Korinth und auf der Insel Samos.
 
Sehr frühe Tempel hatte außerdem Apollon. Genannt seien sein Heiligtum in Thermos in Ätolien und die Kultstätte des Apollon Maleatas auf dem Berg über dem antiken Kurort Epidauros. Seinen frühesten Tempel in Delphi gründete Apollon nach dem Mythos selbst. Gegenwärtig wird auf der Insel Naxos ein Tempel des Dionysos ausgegraben, der in sehr frühe Zeiten zurückreicht. Für die Errichtung eines Kultbaues war also nicht das hohe Ansehen eines Gottes ausschlaggebend, sonst hätte Zeus die frühesten Tempel haben müssen, sondern die Eigenart des Kultes.
 
Tempel enthalten nur in Ausnahmefällen in ihrem Innern Altäre. Im Allgemeinen lag der Altar außerhalb. Dort, wo er in christlichen Kirchen steht, ist im antiken Tempel der Platz des Kultbildes, dessen monumentaler Schrein er ist. Die Kultstatue pflegte zum Aufgang der Sonne zu blicken. Deshalb lag auch der Eingang zur Cella, dem Kernraum des Tempels, im Osten. Auch von dieser Regel gibt es Ausnahmen, so an Tempeln der anatolischen Muttergöttin Kybele und der nahe mit ihr verwandten Artemis von Ephesos, die nach Westen orientiert sind.
 
War der griechische Tempel ein dreidimensional gestalteter Baukörper, so hatte der etruskische Tempel eine ausgesprochene Fassade. Da Etrusker auch in Rom die frühesten Gotteshäuser errichteten, wurde der auf das etruskische Königsgeschlecht der Tarquinier zurückgehende Jupitertempel auf dem Kapitol nach verschiedenen Bränden immer wieder in den alten Proportionen erbaut, zuletzt unter Kaiser Domitian im späten 1. Jahrhundert n. Chr. Im Grunde wirkt der italische Fassadenstil bis hin zu den römischen Barockkirchen nach.
 
 Baupolitik
 
Seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. lässt sich die Tendenz beobachten, Tempelbauten in politische Programme einzuspannen. Die Tyrannen, die damals viele griechische Stadtstaaten auf dem Festland wie auf den Inseln beherrschten, betrieben eine intensive Baupolitik. Da sie Grundlage und Berechtigung ihrer Macht vom Götterkönig Zeus herleiteten, begannen sie mit der Errichtung der ersten Zeustempel, so des riesigen Olympieion in Athen, an dem jahrhundertelang gebaut wurde. Zeitgleich errichteten die Tarquinier den bereits erwähnten Jupitertempel auf dem Kapitol. — In die Tyrannenzeit fällt auch die rege Bautätigkeit der Naxier mit ihrer bedeutenden Bildhauerschule auf Delos, wo sich neben Delphi das bedeutendste Apollonheiligtum befand. Indem dieses Heiligtum unter dem Athener Tyrannen Peisistratos eine besondere Förderung erhielt und sogar Verknüpfungen im Mythos zwischen Athen und dem Apollonheiligtum neu belebt und auch geschaffen wurden, geriet es auch zunehmend unter den politischen Einfluss dieser Stadt.
 
Verfolgt man die zahlreichen Tempelgründungen in Rom während der Republik und der Kaiserzeit, so lassen sich immer wieder politische Gründe für diese Bauinitiativen anführen. Entsprechendes dürfte für andere Städte oder Stadtstaaten der antiken Welt zutreffen.
 
 Staatliche und private Feste
 
Alle antiken Feste waren religiösen Ursprungs. Bloße »staatliche« Feiern gab es schon deshalb in der griechischen Welt nicht, da jeweils Gottheiten über die wichtigste antike Staatsform, die Stadt (polis), wachten, so zum Beispiel Athene als Athena Polias über Athen. Die Entwicklung Roms von der Stadt (urbs) zum Reich (imperium) brachte es mit sich, dass überall ein Kapitol, das heißt der Tempel der Kapitolinischen Trias Jupiter, Juno und Minerva, errichtet wurde. Weitere religiöse Integrationsgestalten waren für das Imperium sowohl die regierenden als auch die nach ihrem Tod vergöttlichten Kaiser, die allenthalben Kult empfingen.
 
Noch im heutigen Griechenland kann man erleben, dass ein winziges, irgendwo in der Einsamkeit gelegenes Kapellchen plötzlich von einer Menschenmenge besucht wird, die es öffnet, Lampen und Kerzen darin entzündet und den Tag in dessen Nähe verbringt. Dann hat der oder die Heilige in dem Kapellchen seinen bzw. ihren Festtag, an dem man sich versammelt. Panegyris ist das alt- und neugriechische Wort für eine solche Versammlung sowie für das Fest. Sicher entspricht der oder die Gefeierte oft einem Heros oder einer Heroin.
 
Die alljährlich wiederkehrenden religiösen Feste gliederten für die Gesellschaft das Jahr. Die Monatsnamen der griechischen Stadtstaaten, die vor der Besetzung Griechenlands durch die Römer nicht einheitlich waren und von denen manche schon in Linear B erwähnt werden, sind zum großen Teil von Festen und Opfern hergeleitet. In fast jeden Monat fielen Feiern für Götter und Heroen, die von staatlicher Seite begangen wurden. Viele waren mit Prozessionen verbunden, in denen man Kultbilder oder heilige Gegenstände mitführte. Die häufigste Form der Prozession war das Tragen und Geleiten der Opfergaben und Opfertiere zum Altar.
 
Aus Kalendern der hundert Demen (Gemeinden) Attikas, von denen einige durch Steininschriften erhalten sind, sowie aus der stattlichen Anzahl römischer Kalender lässt sich schließen, dass das Leben des antiken Menschen in Stadt und Land von religiösen Feiern durchwirkt war. Diese Feste brachten auch die nötige Entspannung, von der Perikles in seiner berühmten bei Thukydides (2,38) überlieferten Grabrede spricht. Die Ruhe nach sechs Arbeitstagen, die vom Ausruhen Gottes in der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments hergeleitet ist, war den antiken Gesellschaften — Juden und Christen ausgenommen — ja fremd.
 
Am Beginn des Festes wurden die Götter, denen es galt, hymnisch herbeigerufen, um beim Opfer anwesend zu sein. An hohen Staatsfesten, etwa den Panathenäen in Athen, die zu Ehren der Stadtgöttin Athena Polias gefeiert wurden, dachte man sich den ganzen Olymp anwesend, wie der Ostfries des Parthenon zeigt. In einem Dithyrambos, einem Kultlied auf Dionysos, ruft der Dichter Pindar (Fragment 75 Snell) die Olympier zur Feier der Großen Dionysien in Athen herbei. Am Ende des Festes pflegte man die Götter zu verabschieden. Diese Praxis ist auch aus einer noch heute existierenden polytheistischen Religion, dem Shintoismus in Japan, bekannt.
 
Außer den offiziellen Festen gab es auch private Feiern, so vor allem Hochzeiten, an denen zum Beispiel Aphrodite Weihrauchopfer erhielt. Der Toten wurde sowohl individuell als auch an einem allgemeinen Totenfest im Vorfrühling gedacht. Aus dem Totenkult entwickelte sich von der homerischen Zeit an der Heroenkult, eine Besonderheit der griechischen Religion. In hellenistischer Zeit wurden viele Verstorbene im privaten Kreis heroisiert, während der archaische Heroenkult ausgesprochen staatlichen Charakter hatte. Er entstand zusammen mit der Herausbildung des Stadtstaates, der Polis. In Athen verehrte man nach der zur Demokratie führenden Reform des Kleisthenes ab dem späten 6. Jahrhundert v. Chr. zehn Phylenheroen, die der delphische Apollon aus 100 vorgeschlagenen Heroennamen ausgesucht hatte. Das gibt einen Begriff von der Menge der in Hellas verehrten Heroen. Sie entspricht der der christlichen Heiligen.
 
Da die Kindersterblichkeit in der Antike sehr hoch war, gaben Geburten zunächst keinen großen Anlass zu Feiern. Umso mehr wünschte man in Athen den kleinen dreijährigen Jungen an den Anthesterien, dem für Dionysos gefeierten »Blütenfest« im Frühling, Glück. In diesem Jahr wurden sie in die Listen der Bürgerschaft eingetragen. Als Schutzgottheiten der Kinder (kurotrophoi) galten unter anderen die Flussgötter, Apollon, Dionysos und die Nymphen.
 
 Tieropfer
 
Zentrum vieler Feste war das feierliche Schlachten von Opfertieren, dem das Braten und Kochen des Fleisches, das Grillen der Eingeweide über dem Altar und das gemeinsame Mahl der Festteilnehmer und der herbeigerufenen Götter folgten. Die Menschen verzehrten das Fleisch, nur der mit Fett umwickelte Schenkelknochen wurde auf dem Altar verbrannt, der Geruch davon stieg zu den Göttern auf. Man schrieb diesen »Opferbetrug« dem Prometheus zu, dem großen Freund der Menschheit, der auch das Feuer vom Himmel auf die Erde geschmuggelt hatte.
 
Zum Problem jenes »Betrugs« hier nur so viel: Die Menschen haben Tiere zwecks Nahrungsaufnahme getötet, lange ehe es den griechischen Olymp gab. Die prähistorischen Tierschlächter scheinen sich aber bewusst gewesen zu sein, dass sie mit der Vernichtung von Leben Unrecht taten. Karl Meuli und in seiner Nachfolge Walter Burkert sind tief in jene frühe Mentalität eingedrungen. Die Tötenden waren bestrebt, das zur Nahrung verwendete Tier wiederherzustellen, indem sie Kopf und Schenkelknochen absonderten. Diese Teile fielen später den Göttern zu. Der Schädel des Opfertiers wurde im Heiligtum aufgehängt, der Knochen mit Fett verbrannt. Es handelt sich um das olympische Opfer für Zeus und die mit ihm verbundenen Götter. An vielen Orten Griechenlands und Italiens waren diese in der geheiligten Zwölfzahl (dodekatheoi, dei consentes) und teilten sich jeweils zu zweien sechs Altäre.
 
 Priester und Priesterinnen
 
Im Gegensatz etwa zur ägyptischen Religion, in der die Tempel hauptsächlich von Priestern betreten wurden, gab es in Griechenland den Gegensatz von Priestern und »Laien« kaum. Selbstverständlich waren den einzelnen Gottheiten Menschen zugeordnet, die ihnen Opfer darbrachten, und zwar männlichen Gottheiten Priester, weiblichen Priesterinnen. Es gab aber auch berühmte Ausnahmen, so die Pythia, die Priesterin des Apollon in Delphi. Ihr Amt wurde damit begründet, dass das delphische Orakel zunächst der Erdmutter Gaia gehört habe — ein Durchscheinen des prähistorischen Matriarchats. Neben der Pythia stand jedoch im Tempel des Apollon der Prophet, der Verkünder des Orakels, sowie eine ganze Priesterschaft, die — nicht nur religionspolitisch — weit über die Grenzen Griechenlands hinaus eine Rolle spielte. Dieses Phänomen lässt sich weniger mit anderen griechischen Kultorten als mit religiösen Verhältnissen im Orient und in Rom vergleichen. Die römischen Priesterschaften, so zum Beispiel die Fratres Arvales (Arvalbrüder), Auguren und Epulonen (ein Priesterkollegium, das die feierlichen öffentlichen Mahlzeiten bei Götterfesten zu besorgen hatte), sowie die Gruppe der Flamines, der Spezialpriester für einzelne Götter, waren politische Glieder der Gesellschaft, die Zugehörigkeit zu ihnen war Teil der Karriere (cursus honorum).
 
Obwohl die römische Religion in manchem konservativer war als die griechische, bewahrte Hellas mehr aus dem prähistorischen Kult der Muttergöttinnen. So hielt sich die Zahl der Priesterinnen und Priester dort die Waage, in Rom nicht. In Athen war die Priesterin der Athena Polias aus dem seit der spätarchaischen Zeit herrschenden demokratischen Amtswechsel ausgenommen. Sie entstammte einem der vornehmsten attischen Adelsgeschlechter, dem der Eteobutaden, und versah ihr Amt lebenslänglich. In Geschlechtern wie diesem, dem auch der Poseidonpriester entstammte, wurde die mündliche Kulttradition, von der oben die Rede war, durch viele Generationen hin vererbt. An zentralen Kultorten wie Olympia oder im Mysterienheiligtum von Eleusis gab es jeweils zwei Priestergeschlechter, wodurch die Kontinuität der mündlichen Überlieferung bis in die römische Kaiserzeit hinein tatsächlich gesichert war.
 
 Weihgeschenke
 
Es lässt sich kaum etwas denken, das nicht den Göttern geweiht werden konnte: Kleidung, Schmuck, Waffen aller Art, Spielzeug, Geräte und Gefäße, die man im Leben brauchte, aber auch kleine und größere Nachbildungen von Tieren, dazu Statuetten aus Bronze, Elfenbein und Terrakotta, bald der Weihenden selbst, bald der Gottheit des Ortes. Dazu kommt die große Zahl der lebens- und überlebensgroßen Statuen, kommen Weihreliefs aus Ton und Marmor und die noch größere, uns weitgehend verlorene Gattung der bemalten Holztafeln, der Pinakes. Die antike Sitte, die kleineren Votivgaben von Zeit zu Zeit abzuräumen, aber als Eigentum der Gottheit innerhalb des heiligen Bezirks im Boden zu bergen, war für archäologische Grabungen in Griechenland wie in Italien ein Segen. So füllten sich nicht nur die Museen mit Kunstwerken, sondern man erhielt Handhaben zur Identifizierung der Inhaber bestimmter Heiligtümer. Zum Beispiel entpuppte sich der früher dem Poseidon zugewiesene klassische Tempel von Paestum, dem griechischen Poseidonia, als ein Kultbau für Hera, deren Name auf Votiven steht, die man im Temenos ausgrub. Auch der große frühere Tempel daneben, die Basilika, gab sich als älterer Heratempel zu erkennen. Poseidonia/Paestum war eine Gründung achäischer Griechen von der Peloponnes. Weibliche Hauptgottheiten der Achäer waren, wie wir aus der »Ilias« wissen, Hera und Athene. Der Letzteren gehört der dritte Tempel von Paestum.
 
Berühmt für ihre Weihgeschenke waren vor allem die großen, panhellenischen Heiligtümer Olympia und Delphi. Sie konnten dort von einem aus allen Teilen der antiken Welt zusammenströmenden Publikum bestaunt werden. Da sich die Weihenden inschriftlich zu nennen pflegten, verkündete die Votivgabe auch den Ruhm des Stifters. Einzelne Stadtstaaten bauten in diesen Heiligtümern auch Schatzhäuser (thesauroi), in denen kostbare Votive unter Verschluss aufbewahrt werden konnten. An Diebstählen in Heiligtümern und an Terroristen wie Herostrat, der das Artemision in Ephesos angezündet hatte, fehlte es auch in der Antike nicht.
 
Als der Reiseschriftsteller Pausanias im späteren 2. Jahrhundert n. Chr. Griechenland bereiste, waren die Weihgeschenke in Delphi und Olympia noch zum großen Teil vorhanden, wenn auch die Römer manches in die neue Welthauptstadt Rom abtransportiert hatten. Später folgte Konstantin, der seine neu gegründete Hauptstadt am Bosporus, Konstantinopel, mit Bronzen aus Griechenland schmückte. Nachdem die heidnischen Kultstätten unter seinen Nachfolgern verwüstet wurden, fielen die letzten sichtbaren Kunstwerke dort Metalldieben zum Opfer. Die archäologischen Grabungen haben von der Vielzahl der bei Pausanias genannten Bronzewerke kaum etwas bergen können. Nur die Basen, die auch bei Bronzen aus Stein waren, sind bei den Ausgrabungen in Delphi, Olympia und anderenorts zutage gekommen. Wie zum Ersatz brachten die archäologischen Forschungen jedoch das zum Vorschein, was schon zur Zeit des Pausanias längst im Boden geborgen war, die Weihgeschenke der geometrischen und archaischen Epoche: große Kessel mit plastischen Köpfen von Löwen und besonders von Greifen an ihren Mündungen auf Dreifüßen und auf konischen Ständern aus Bronze. Herodot (4,152) berichtet, dass der samische Reeder Kolaios nach seiner erfolgreichen Spanienfahrt einen solchen Kessel mit Greifen für das Heraheiligtum von Samos stiftete. Das war um die Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr.
 
 Apollon und Demeter, Apollon und Zeus
 
Fragt man sich nach den stärksten Impulsen, die von Kulten auf die antike Gesellschaft übergingen, so sind zwei gegensätzliche Gottheiten zu nennen: Apollon und Demeter. Apollon griff durch viele Jahrhunderte hin von Delphi aus ordnend in die antike Welt ein, in Rom verstärkt durch die sibyllinischen Orakel und durch seine Gleichsetzung mit dem Sonnengott Helios bzw. Sol. Demeter dagegen gewährte durch ihre Eleusinischen Mysterien den Menschen religiöse Geborgenheit. Die Feier wurde im Hellenismus auch nach Alexandria übertragen, wo man Demeter der großen ägyptischen Göttin Isis anglich. Vornehme Römer gingen nach Eleusis, um sich einweihen zu lassen; die Mysterien standen aber auch den einfachen Menschen offen. Demeters römisches Gegenbild, Ceres, wurde sogar besonders von unteren Volksschichten verehrt: Sie war die Hauptgöttin der Plebs. Was man in den Mysterien erlebte, musste geheim bleiben. Alle in Eleusis Eingeweihten hielten sich daran bis auf einige Christen, die versuchten, das in den Mysterien Vernommene bloßzustellen. — Während das delphische Orakel ab dem ersten nachchristlichen Jahrhundert an internationalem Ansehen verlor — Plutarch (46 bis nach 120 n. Chr.), der selbst in seinen Umkreis gehörte, ist unser Zeuge dafür — blieb die Bedeutung von Eleusis länger erhalten, weshalb die christlichen Eiferer sich besonders gegen diese heilige Stätte richteten. — Am Beginn der »Eumeniden« des Aischylos (19) nennt die Pythia den delphischen Apollon Priester des Vaters Zeus. In Rom bewegte sich die Triumphprozession vom Apollotempel auf dem Marsfeld zum Kapitol, dessen Hauptgott Jupiter die Beinamen Optimus Maximus hatte, der Beste und Größte. Apollos Unterordnung unter Zeus —Jupiter weist auf dessen fast — aber nur fast — monotheistische Macht.
 
Erika Simon
 
 
Archaeologia Homerica. Die Denkmäler und das frühgriechische Epos, begründet von Friedrich Matz. Herausgegeben von Hans-Günther Buchholz. Band 3, 5: Vermeule, Emily Townsend: Götterkult. Göttingen 1974.
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Güntner, Gudrun: Göttervereine und Götterversammlungen auf attischen Weihreliefs. Untersuchungen zur Typologie und Bedeutung. Würzburg 1994.
 Latte, Kurt: Römische Religionsgeschichte. München 21967. Nachdruck München
 Long, Charlotte R.: The twelve gods of Greece and Rome. Leiden u. a. 1987.
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Universal-Lexikon. 2012.

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